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25.11.09: Naturkunde-Museum zu kreationistisch?

Rechtzeitig hatte die Giordano Bruno Stiftung auf ihrer Website zum Darwinjahr vor dem "Auftritt von Kreationisten im Naturkundemuseum Stuttgart" gewarnt. Dem Kreationismus oder Intelligent Design ein Podium zu bieten gestehe ihnen unangemessenerweise Wissenschaftlichkeit zu. Darum schätzt man bei der Giordano Bruno Stiftung deratige Diskussionen nicht.
Davon unbeeindruckt hat das Naturkundemuseum Stuttgart am 24.11., exakt 150 Jahre nach Erscheinen von Darwins "Origin of Species", einen Aktionstag "Evolution Day" veranstaltet und gleich vier namhafte Vertreter der (Neo-) Kreationisten-Szene zur Diskussion mit Evolutionsbiologen eingeladen. Drückt sich darin eine Affinität des Museums zu kreationistischem Gedankengut aus?




Schwerwiegende Argumente zugunsten der Evolutionsbiologie. Die Waage im Zentrum der Stuttgarter Darwinausstellung zeigt einen eindeutigen Ausschlag.

Zugegeben: Es ist schon auffallend, dass das 9-köpfige Podium auf darwinkritischer Seite hochrangiger als auf der darwinfreundlichen besetzt ist: Dr. Wolf-Ekkehard Lönnig (ehem. Genetiker des MPI Köln), Dr. Reinhard Junker (Biologe und Theologe, Geschäftsführer der Studiengemeinschaft "Wort und Wissen"), Markus Rammerstorfer (Buchautor, Linz), last not least - denn die USA dürfen an dieser Stelle freilich nicht fehlen - Dr. Douglas Axe (Molekularbiologe und Direktor des Biologic Institute in Seattle) haben allesamt kontroverse Diskussionserfahrung.
Die evolutionsbiologische "Gegenseite" vertreten Prof. Dr. Martin Blum (Entwicklungsbiologe an der Uni Hohenheim), Dr. Mike Thiv (Abteilungsleiter Botanik am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart (SMNS)), Dr. Jürgen Kriwet (Paläontologe am SMNS), Dr. Michael Maisch (Paläontologe am SMNS), Dr. Hansjörg Hemminger (Verhaltensbiologe, Beauftragter für weltanschauliche Fragen der Evangelischen Landeskirche). Der einzige, der meines Wissens in der Kontroverse mit den Kreationisten Erfahrung hat, ist Hansjörg Hemminger. Auch Martin Blum räumt zu Beginn ein, dass er sich das erste Mal in einer Diskussionsrunde mit Evolutionskritikern befindet. Klare Vorteile also für die Seite der Evolutionskritiker?

Wie auch immer. Allein durch die Moderation, die bei der Abschlussrunde den Evolutionsbiologen nach den Kritikern das Rederecht einräumte, war sicher gestellt, dass die Kritiker nicht "das letzte Wort" hatten und unwidersprochen punkten konnten. Ansonsten war die Redezeit weitgehend gerecht verteilt, und die Kritiker hatten durchaus Gelegenheit, ihr Plädoyer für einen Designer authentisch zu vermitteln.

Die Ankündigung des Moderators, der Evolution Day verspreche, "ein großer Tag für die Wissenschaft zu werden", konnte jedoch nicht im Ansatz eingelöst werden. Dafür hatte man sich mit 6 Themenkreisen, von denen jeder für sich ganze Kongresse beschäftigen kann, zu viel zugemutet. Nach zwei Einführungen von evolutionsbiologischer wie kritischer Seite widmete man sich den Komplexen:

1. Ursprung des Lebens
2. Fossilbericht
3. Synthese der DNA und Proteinstrukturen
4. Entstehung komplexer Strukturen
5. Dysteleologie oder un-intelligentes Design
6. Was zeichnet die Wissenschaftlichkeit einer Theorie aus? Kann man auch "Intelligenz" mit ins Spiel bringen?

Abschließend folgte eine Schlussrunde mit einminütigen statements jedes Podiumteilnehmers.
Dass bei diesem Programm aus den vorgesehenen 90 Minuten nur satte 150 Minuten wurden, ist der straffen Moderation zu verdanken - dies ist nicht ironisch gemeint. Die mehrfach beantragten Einwände der Kritiker kamen dementsprechend nicht zum Zuge, und eine aufkeimende Kontroverse konnte nicht wirklich verfolgt werden.




Fazit

Bei aller Kritik verdient die Veranstaltung hohe Anerkennung. Zu Recht wurde herausgestellt, dass die hier gelungene Zusammenführung von Evolutionsbiologen und kreationistisch orientierten Evolutionskritikern in Deutschland fast einzigartig ist. Auch die Wahl der Evolutionsbefürworter muss als gelungen eingestuft werden. Da diese sich nicht nur von den Kreationisten distanzierten, sondern in gleicher Weise von Fundamentalisten ihrer eigenen Zunft, namentlich Richard Dawkins, ergab sich ein differenziertes Bild - wohltuend in einer von einigen als "Neuen Kulturkampf" bezeichneten Zeit der Polarisierung, in der man nur die Wahl zwischen biblizistischen Kreationisten und naturalistischen Atheisten zu haben scheint.

Auch der eingangs befürchteten kreationistischen Unterwanderung des Museums kann man gelassen begegnen. Das zentrale Symbol der Waage, die Darwin eindeutig die gewichtigeren Argumente zugesteht, muss nicht zugunsten der Kritiker umgebaut werden.







Fotos von H.-H. Peitz, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Naturkundemuseums Stuttgart.




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