Presseschau
Rezensionen
Grenzfragen-News
Veranstaltungen
Fachzeitschriften

09.02.: Vom Hirn zum Geist | 23.12. Überblick über ID in Deutschland  

02.02. Intelligent Design weiter auf dem Vormarsch

Wochenrückblick auf ausgewählte Pressebeiträge

Nun hat Intelligent Design (ID) es doch geschafft: Nein, nicht von der Wissenschaft ernst genommen zu werden, aber zumindest die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen. Obwohl sich die Wogen bei der FAZ etwas geglättet haben (Stichwort: Kreationismus an Giessener Schulen?), ist das Thema ID längst nicht verschwunden, wie der mehr zufällige Blick auf die Presse der letzten Woche zeigt.

(1) Rüdiger Braun, Ein trojanisches Pferd : Historiker und Naturwissenschaftler debattieren über "Intelligent Design", Märkische Allgemeine vom 01.02.07
(2) Christian Schwägerl, Polarisiert : Was tun gegen den Zulauf für den Kreationismus? F.A.Z. vom 31.01.07
(3) Mark Minnes, Bibel versus Darwin : Ein Workshop am Einstein Forum beleuchtete die Kontroverse um das "Intelligent Design", Potsdamer Neueste Nachrichten vom 31.01.07
(4) Elke Windisch, Nun wird auch in Moskau gegen Darwin zu Felde gezogen, Stuttgarter Zeitung vom 31.01.07
(5) Robert Zwilling, Ein quasi punktförmiger Anfang, F.A.Z. vom 26.01.07
(6) Katharina Rilling, Vom Paradies in die Hölle : Geplantes Genesisland soll Freizeitvergnügen und Besinnung bieten, Katholische Internationale Presseagentur vom 19.01.07




Drei Beiträge berichten von einem Workshop des Einstein Forums über Intelligent Design, ein Workshop, der international und interdisziplinär besetzt war; so referierten nicht nur Historiker und Naturwissenschaftler, wie Rüdiger Braun nahelegt (1), sondern auch Philosophen und Theologen. Der amerikanische Wissenschaftshistoriker Ronald Numbers musste konstatieren, dass Europa nicht länger vom Kreationismus und der light-Variante des Intelligent Design verschont bleibe. Die Einflussnahme gehe einher mit einer neuen ideologischen Allianz, "die von christlich-wissenschaftsfeindlichen Kreisen bis in muslimisch-fundamentalistische Zirkel" (2) reiche. Unerwartet war Numbers' Hinweis, dass nicht nur religiöse Fundamentalisten der Evolutionstheorie in den Rücken fallen. Auch die Fundamentalisten der Gegenseite, naturalistische Ultradarwinisten wie Richard Dawkins erwiesen der Evolutionslehre einen Bärendienst: Wenn Dawkins Gleichsetzung von Darwinismus und weltanschaulichem Atheismus zwangsläufig wäre, gehörte die Evolutionsbiologie aus dem amerikanischen Unterricht verbannt, "weil Schulen zur Säkularität verpflichtet seien und eine per Definition atheistische Lehre nicht unterrichten dürften" (2). Numbers empfahl dagegen, die Existenz Gottes und die Mechanismen der Natur als zwei getrennte Ebenen zu behandeln.




ID-Workshop beim Einsteinforum Ron Numbers: ID mit neuen ideologischen Allianzen gegen Evolutionstheorie

So unternahm auf der Ebene der Naturwissenschaften der Biologe Peter Hammerstein den Versuch, das Standardargument der ID-Protagonisten zu zerlegen. Dem zufolge gebe es "irreduzible Komplexität" (1), die nur durch einen intelligenten Designer erklärt werden könne – so Michael Behe, der sich aufgrund dieser vermeintlich "großen Entdeckung" gern mit Einstein vergleiche (3). Demgegenüber machte Hammerstein plausibel, das komplexe Phänomene durchaus "als Ergebnis eines blinden, ungerichteten Evolutionsprozesses erklärbar sind" (2). Während Hammersteins Gegenargumente evolutionsbiologische Kleinarbeit voraussetzen, geht die ID-Strategie weiter und aufs Ganze. Mit dem Einbringen eines intelligenten Designers strebt ID nicht weniger als eine Revision des Grundprinzips der modernen Wissenschaften an, eine Revision des methodischen Naturalismus, nach dem übernatürliche Erklärungen methodisch (nicht ontologisch) ausgeblendet werden (3). ID sei also ein trojanisches Pferd, "außen die Wissenschaft, innen der Glaube" (3).




Irreduzible Komplexität lässt sich durchaus reduzieren!

Dem Hinweis beim Einstein Forum, dass ID in Europa angekommen sei, sich aber auch in Asien und muslimischen Ländern zunehmender Beliebtheit erfreue (3), entspricht ein Artikel der Russland-Kennerin Elke Windisch, dem zufolge nun auch "in Moskau gegen Darwin zu Felde gezogen wird" (4). Eine Schülerin habe das russische Bildungsministerium auf Relativierung der Evolutionstheorie verklagt. Unterstützt werde sie u. a. vom einflussreichen Patriarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche, Alexi II. Dem Patriarchen zufolge sei "Darwins Lehre … eine bisher nicht bewiesene Theorie und müsse daher mit anderen konkurrieren. Auch mit der Schöpfungstheorie, die Arten für unveränderlich hält und die Entstehung des Lebens als göttlichen Schöpfungsakt erklärt" (4). Dass hier übrigens bereits die Wortwahl strategisch ist – man spricht nicht wie üblich von Schöpfungslehre, sondern von Schöpfungstheorie, um eine wissenschaftstheoretische Vergleichbarkeit mit der Evolutionstheorie zu suggerieren – stimmt zumindest für den deutschen Text.




Russischer Antidarwinismus Schülerin verklagt russisches Bildungsministerium

Für Arten und die Entstehung des Lebens Schöpfungsakte zu fordern, hält Robert Zwilling, der die genannte FAZ-Diskussion fortführt, für Wissensverzicht. Heute könne man durchaus wissen, "dass das gesamte Leben auf der Erde vor mehr als drei Milliarden Jahren aus einem quasi punktförmigen Anfang hervorgegangen ist" (5). Die Universalität des genetischen Codes vom Bakterium bis zum Menschen sei ein hinreichender Grund für die Annahme einer gemeinsamen Abstammung. Begriffe wie "Schöpfung" oder "Intelligent Design" helfen hier genauso wenig weiter wie bei einer Frage, die einen neuen Aspekt in die Debatte einspielt: Wenn Tier und Mensch durch eine ununterbrochene Entwicklungslinie verbunden sind, "an welcher Stelle und zu welchem Zeitpunkt [wurde] der Mensch mit seiner besonderen Seele ausgestattet"? Die Frage ist bei Theologen hinlänglich bekannt, wenn auch vielleicht noch nicht restlos gelöst, sicher aber noch nicht hinreichend im interdisziplinären Dialog kommuniziert. So hat Johannes Paul II. ausdrücklich gefragt, ob der "ontologische Sprung" und damit die ontologische Diskontinuität, den die Seele im theologischen Diskurs (nicht im biologischen!) einnimmt, nicht der physischen Kontinuität, welche durch die Evolutionsforschung nahegelegt werde, zuwider laufe. Der damalige Papst gab jedoch Entwarnung: die methodologische Unterschiedlichkeit beider Betrachtungsweisen ließen die ontologische Diskontinuität (im theologischen Diskurs) mit der physischen Kontinuität (im biologischen Diskurs) durchaus vereinbar erscheinen. (Christliches Menschenbild und moderne Evolutionstheorien, Botschaft von Papst Johannes Paul II. an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften anläßlich ihrer Vollversammlung am 22. Oktober 1996, Nr. 6). Ein jüngeres Dokument der Internationalen Theologenkommission von 2004 knüpft daran an und versteht die Entstehung der Seele zwar als "göttliche Intervention", eine solche Intervention müsse aber verstanden werden als ein "nicht-unterbrechendes göttliches Handeln" – gegen den Eindruck einer physischen Diskontinuität also, die durch den Ausdruck "Intervention" nahe liegen könnte. (International Theological Commission, Communion and Stewardship – Human Persons Created in the Image of God, 2004, Nr. 70). Schließlich dürfen innerweltliche und transzendente Ursächlichkeiten nicht auf einer Ebene verortet warden: "Göttliche und geschöpfliche Verursachung unterscheiden sich radikal der Art, und nicht nur dem Grad nach." (ebd. Nr. 69).
Zwilling spürt den vermeintlichen Widersprüchlichkeiten konkreter nach, indem er Aussagen darüber vermisst, ob religiöse Heilszusagen "auch für den Neandertaler gelten, der zwar kein homo sapiens war, aber doch auch um seine Toten trauerte und sie beerdigte" (5). Wenn Zwilling den Widerspruch darin erblickt, dass die Heilszusage ausschließlich für den Menschen gilt, kann man auch hier die Widersprüche auflösen und den Konflikt entschärfen. Denn "Mensch" im theologischen Sinne ist weiter gefasst als "homo sapiens" im biologischen Sinn. Haben der homo neandertalensis oder bereits schon der Australopitecus afarensis ("Lucy") Toten bestattet – ein paläoanthropologisches Kriterium für Transzendenzbezug im theologischen Sinne –, dann sind beide Hominiden "Menschen" im theologischen Sinne (nicht im biologischen Sinne) und damit Adressat der Heilszusage Gottes.
Hier zeigt sich deutlich, dass gleiche Wörter in unterschiedlichen Sprachspielen unterschiedliche Bedeutung haben. Trägt man dem nicht Rechnung und unterstellt Univozität, entstehen unweigerlich (Schein-)Konflikte.




Seele als ontologischer Sprung Widerspricht die Seele als ontologische Diskontinuität der physischen Kontinuität der Evolution?

Solche Konflikte durch Nichtbeachtung der Unterschiedlichkeit der Sprachspiele waren idealtypisch für den Kreationismus, der die Bibel wortwörtlich verstand und damit als Geschichtsbuch oder Naturwissenschaft. Wer nun glaubt, Intelligent Design habe den alten Kreationismus auf höherem Niveau abgelöst und zum Aussterben gebracht, der irrt gewaltig. Katharina Rilling (6) weiß von einem kreationistischen Freizeitpark in der Größenordnung des Europaparks zu berichten, der demnächst in Deutschland gebaut werden soll. Mit religiös-thematischen Fahrgeschäften, nachmodellierten Schauplätzen, Themenparks, vor allem aber einer Arche in "Originalgröße" soll über ein wörtliche Bibelverständnis die Evolutionstheorie attackiert werden. Die Zielgruppe ist umfassend gedacht und soll nicht durch Missionseifer abgeschreckt werden. "Dies soll einfach ein biblisch-jüdisch-christlicher Park werden, in dem nicht missioniert wird", wirbt der Initiator des Parks, Gian Luca Carigiet. Dass dies nichts mit christlicher Theologie, ja nicht einmal mit angemessener Bibellektüre zu tun hat, macht Hans Ulich Steymans klar, Bibelwissenschaftler aus Fribourg. Steymans kritisiert zu recht ein simples Gottesbild und die Missachtung der literarischen Gattung der Bibel: "Die Bibel muss als Dokument sprachlich vermittelter Glaubenszeugnisse entschlüsselt werden, um sie nicht einseitig oder sogar falsch zu verstehen" (6). Ein Hoffnungsschimmer am Ende des Artikels: Zurzeit fehle es noch an Standort und Investoren. Möge es so bleiben!

Heinz-Hermann Peitz




Genesis-Land Kreationistischer Freizeitpark will die Arche nachbauen und das Alter der Erde auf 6000 Jahre verkürzen


Druckbare Version

Impressum Kontakt Volltextsuche Was ist forum-grenzfragen? Information in English